HIV-Infektion und psychische Erkrankungen

Darüber reden wir nicht!

 

HIV ist ein neurotroper Virus. Das bedeutet er greift nicht nur die Zellen des Immunsystems an, sondern auch Zellen in unserem Nervensystem an. 2014 wurde in der Prognos-Studie die Situation der Menschen untersucht, die Leistungen von der Stiftung erhalten und die sich vor 1988 mit dem HI-Virus über Blutprodukte infiziert haben. Die gesundheitliche Situation wurde dabei auch erfragt. Psychische und neurologische Erkrankungen wurden dabei nur am Rande gestreift. So fiel bei den Befragten eine hohe Rate an Angst-Symptomen auf.

 

Im März 2018 fand in Boston (USA) die jährliche Konferenz zu Retroviren und opportunistischen Infektionen statt (CROI). Dies ist eine der wichtigsten wissenschaftlichen Konferenzen zu HIV. Ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung waren Begleiterkrankungen bei HIV. Neben körperlichen Störungen können auch psychische Probleme die Gesundheit, die Lebenserwartung und die Krankheitsbewältigungsfähigkeit beeinträchtigen. Ein Vortrag von K. Althoff (John Hopkins University, Baltimore, MD, USA) zeigte, dass Menschen mit HIV häufiger an psychischen Begleiterkrankungen leiden. (Siehe Tabelle).

 

 

  Erwachsene mit HIV Gesamtbevölkerung (USA)
Major Depression 20-40% 8%
Generalisierte Angststörung 10-25% 3%
Bipolare Störung 3-9% 3%
Schizophrenie 4-15% 1%
Posttraumatische Belastungsstörung 10-30% 8%
Schwerer Alkoholmissbrauch 8-16% 6%
Substanzmissbrauch 12-40% 8%

 

Diese Zahlen wurden in großen Studien in den USA bzw. International erhoben. Hierbei fällt auf, dass vor allem Depressionen, Angstsymptome, Suchterkrankungen und posttraumatische Belastung weit häufiger als in der Normalbevölkerung auftreten. Diese Begleiterkrankungen können durch ihre Symptomatik dazu führen, dass sich die gesamte gesundheitliche Situation verschlechtert (wenige Arztbesuche, unregelmäßige Medikamenteneinnahme, Vermeidung von Sozialkontakten).

Auch psychische Faktoren können die soziale Isolation bei HIV verstärken.

Ursachen hierfür sind:

  • Nicht diagnostizierte oder nicht ausreichend behandelte Depressionen, Angsterkrankungen und
  • posttraumatische Belastungsstörungen
  • "Survivor guilt" (Schuldgefühle, ich habe überlebt während viele Freunde tot sind)
  • Stigma

Hierdurch kommt es auch zu körperlichen Veränderungen:

  • Gestörter Schlaf
  • Erhöhte Spiegel von Stresshormonen
  • Substanzgebrauch
  • Herzerkrankungen
  • Schlaganfall
  • Selbstmord

Soziale Isolation kann Menschen umbringen!

 

 

Außerdem betonte Frau Althoff, das 50-70% der Menschen mit HIV rauchen und inzwischen deutlich mehr Lebensjahre durch das Rauchen verloren gehen als durch HIV.

 

Das sind erschütternde Zahlen. Ich frage mich, warum diese in der Diskussion um eine angemessene Lebenssituation so wenig Beachtung finden.

Ich freue mich auf eurer Kommentare und eine lebhafte Diskussion!

Jürgen

 

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