Soziale Distanz als gesundheitlicher Risikofaktor

Jürgen Möller-Nehring, 13. Dezember 2020

 

Wir stecken mitten in der zweiten Welle der Pandemie. Beängstigende Nachrichten über ein überfordertes Gesundheitswesen werden häufiger. Je länger eine Krise andauert und wir alle psychischen Belastungen wie gesellschaftlichen Druck und grundlegenden Ängsten ausgesetzt sind, desto eher sind die individuellen Selbstheilungskräfte überfordert. Viele Menschen klagen bereits über Erschöpfung und es kommt häufiger zu akuten Belastungsreaktionen oder sogar länger andauernden seelischen Störungen. Ein Ende der Corona-Pandemie mit den damit verbundenen Einschränkungen ist nicht abzusehen. Fachleute aus vielen Bereichen der Medizin äußern sich aufgrund der drohenden seelischen Folgen zunehmend sorgenvoll. Die Psychotherapeutenkammer (BPtK), die deutsche Gessellschaft für Psychiatrie und Psychosomatik (DGPPN) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) äußern Befürchtungen, die zur Eindämmung des Infektionsgeschehens empfohlene soziale Distanz bis hin zur sozialen Isolierung könnte längerfristig wesentlich mehr Schaden anrichten als Nutzen. Pädagogen warnen, dass zeitgemäßer inklusiver Unterricht, der individuell auf die Kinder eingehen kann in der Pandemie nicht mehr möglich ist. Viele Kinder bleiben jetzt auf der Strecke, vor allem Kinder aus bildungsferneren Familien.  Die langfristigen teilweise unumkehrbahren psychosozialen Folgen der Pandemie und der Eindämmungsmaßnahmen sind kaum abzuschätzen.

Gesichtslose und distanzierte Menschen

Ein Auzug aus einem sehr guten Telepolis-Artikel zu dem Thema psychische Belastung bei Corona:

" Eine übersehene Pandemie  - 
Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Krankheit, die hierzulande immer häufiger auftritt und chronische Schmerzen verursacht - eine ansteckende, von der medizinischen Wissenschaft auch kaum erforschte Krankheit, die sich schneller ausbreitet, als die Immunität gegen sie aufgebaut werden kann, und die als eine der häufigsten Todesursachen in der zivilisierten westlichen Welt eingestuft wird. Eine Krankheit, die das Aufkommen anderer Leiden begünstigt, von Erkältungen über Depressionen und Demenz bis hin zu Herzinfarkten, Schlaganfällen und Krebs. Diese Krankheit wäre mithin ein bedeutender Risikofaktor für andere häufige und tödliche Krankheiten. Zugleich wäre sie tückisch, denn viele Betroffenen wüssten gar nicht, dass sie an ihr leiden."

Hier wird von der EINSAMKEIT gesprochen.

Stellen wir uns weiter vor, die Kinder lernen im Rahmen der Corona-Maßnahmen in den Kitas und Schulen, dass von den Mitschülern und anderen Menschen eine Gefahr ausgeht, die tödlich sein kann. Auch erleben sie sich mit ihren Wünschen und ihrem Verhalten als GEFÄHRDER anderer Menschen die sie lieben. Wenn diese Erkenntnis generalisiert abgespeichert wird, wird eine vielleicht im Laufe des nächsten Jahres zur Verfügung stehende Impfung daran nur noch wenig ändern.

Daraus resultieren dauerhafte SOZIALE ÄNGSTE.

Ich habe vor einigen Jahren ein Seminar zum Thema Gesunderhaltung/Selbstheilung besucht. Dabei wurde über die Faktoren gesprochen, die zur Entstehung und Erhaltung der eigenen Gesundheit notwendig sind. Es wurden u.A.: Optimismus, Lösungsorientierung, Verantwortung übernehmen, Netzwerke aufbauen, Beziehungen aufbauen und pflegen, positive Zukunftserwartungen, eben diese Zukunft planen können. All das geht in der jetzigen Situation so einfach nicht mehr. Vielmehr erleben wir mehr oder weniger täglich Gefühle der Ohnmacht, Angst um nahestehende Personen, Gefühle des Ausgeliefertseins, Einsamkeit, Anspannung, Zukunftsängste und gerade eben die Unmöglichkeit für die nähere Zukunft planen zu können. Niemand weiß, was in den nächsten Monaten in Zusammenhang mit Corona passieren wird. Wir halten uns an vagen Hoffnungen fest z.B. dass es wieder eine Frühjahrserholung oder vielleicht eine Impfung geben wird.

Aber was bleibt ist eine MASSIVE VERUNSICHERUNG.

Es ist Zeit, dass die (politisch) Verantwortlichen ENDLICH anfangen, sich auch um die emotionale Seite der Pandemie zu kümmern, um die drohenden schlimmen psychozozialen Langzeitfolgen für unsere Gesellschaft zu verhindern.

Es ist lange überfällig, dass in der Politik aber auch in der ganzen Gesellschaft Prozesse gestartet werden, die sich mit einer Langzeit- oder Exit-Strategie befassen. Auch muss der Schutz besonders gefährdeter Menschen ebenso eine sehr hohe Priorität bekommen, wie ein Szenario, welches es uns ermöglicht, dauerhaft mit diesem Virus leben zu müssen.

Jürgen

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