"In mir ist eine unendlich große Sehnsucht nach unbelastetem Leben und Gesundheit"

Ich bin jetzt 51 Jahre alt und lebe seit 1996 mit dem Virus. Ich bin jeden Tag dankbar zu leben und überlebt zu haben.

 

Infiziert hat mich mein inzwischen verstorbener Ehemann. Dies ist die große Wunde in meinem Leben. Warum ist das passiert? Meine Selbstvorwürfe sind auch über 20 Jahre später immens. Am Schwersten für mich ist, dass ich mit meinem Mann nicht mehr darüber sprechen kann, weil er kurz nach meiner Diagnose selbst am Vollbild Aids starb. Bei ihm haben die 1996 eingeführten Medikamente nicht mehr gewirkt. Er wurde nur 50 Jahre alt. Er war immer stark, selbstbewusst und redegewandt, engagierte sich viele Jahre mit voller Kraft für die DHG.

 

Bei mir hat die antiretrovirale Therapie ab 1996 angeschlagen. Von damals 21 Tabletten muss ich heute nur noch 2 Tabletten täglich einnehmen. Mein Gesundheitszustand hat sich von „sehr schlecht“ auf „gut“ entwickelt und ist stabil, so dass ich sogar eine Krebserkrankung vor ein paar Jahren überstand.

 

Wie gesagt, bin ich jeden Tag dankbar zu leben und überlebt zu haben. Aber in mir ist eine unendlich große Sehnsucht nach unbelastetem Leben und Gesundheit. So gern würde ich dieses Schweigen über meine Infektion beenden, aber ich trau mich nicht.

 

Auch nach so vielen Jahren lebe ich nicht offen positiv. Zwar sind Familie und die meisten Freunde eingeweiht, aber nach außen hin versuche ich ein ganz normales Leben zu führen – mit (neuem) Mann, Haus, Hund und Garten und Arbeit und Hobbies.

 

Im VOB setze ich mich für den Aufbau einer Gedenkstelle für die Opfer des Blutskandals ein.

 

 Dörte N.